Freude und Frust - Erfahrungen mit einem Fischotter

Der Europäische Fischotter (Lutra lutra) gehört zur Familie der Mader und ist bestens an das Wasserleben angepasst. Er zählt zu den besten Schwimmern unter den Landraubtieren, denn seine Zehen sind mit Schwimmhäuten verbunden.
Fischotter kommen in fast ganz Europa vor, stehen aber in den meisten Ländern unter Schutz. In Deutschland gehören sie zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten. Die Bestände gingen in den letzten Jahrzehnten trotz Unterschutzstellung stark zurück. Dazu trugen maßgeblich die Verbauung von Gewässern und die damit verbundene Zerstörung von Lebensräumen, als auch der zunehmende Straßenverkehr bei, dem die wandernden Otter zum Opfer fielen. In Mecklenburg/Vorpommern nehmen die Bestände dank guter Schutzmaßnahmen seit 1990 wieder zu.
Fischotter erreichen eine Körpergröße von 1,30 Meter (einschließlich Schwanz). Die Schulterhöhe beträgt etwa 25 bis 30 Zentimeter. Der Körper ist gestreckt und walzenförmig. Die Beine sind kurz, der Kopf ist rundlich und stumpfschnauzig. An der Schnauze befinden sich lange Tasthaare, die ein wichtiges Sinnesorgan im trüben Wasser darstellen. Das Fell ist hellbraun. Mit zunehmendem Alter färben sich die Kehle und der Vorderhals des Fischotters weiß. Ausgewachsene Tiere können ein Körpergewicht von 12 Kilogramm erreichen.
Das Müritzeum, als Natur- Bildungs- und Erlebniszentrum der Mecklenburger Seenplatte, beherbergt das größte Aquarium für heimische Süßwasserfische Deutschlands, als Bestandteil seiner Ausstellungen.
Eine Attraktion des Aquariums stellen zwei große Außenaquarien dar, welche in ein an das Gebäude angrenzenden, natürlichen See, gebaut sind. Durch eine große Acrylglasscheibe ist es den Besuchern der Einrichtung möglich sowohl in diese Aquarien, als auch darüber hinweg, auf den Herrensee, zu schauen.
Mit diesem Ausblick in und auf das Wasser erwecken die Aquarien den Eindruck, mit ihrem Fischbestand und der naturnahen Gestaltung, Bestandteil des natürlichen Gewässers zu sein.
Mittels hochmoderner Filteranlagen, welche sich im Gebäude befinden, wird neben der permanenten Wasserreinigung der Aquarien auch Einfluss auf die Temperatur, im Hochsommer und im Winter, genommen. Wärmetauscher, welche mit Brunnenwasser durchströmt werden, geben die Temperatur von etwa 6 - 8°C an das Aquarienwasser ab. Daher frieren die Außenaquarien im Winter, auch bei extremer Kälte, nicht zu.
Auf Grund der lang anhaltenden Kälte, zu Beginn dieses Jahres, waren sämtliche natürliche Gewässer der Müritzregion, selbst Fließgewässer, weitgehend zugefroren. Unmittelbar an den Außenteichen speist ein Bachlauf den Herrensee mit Wasser. Hier blieb im Winter der einfließende Bereich, durch die relativ hohe Fließgeschwindigkeit, zusätzlich zu den angrenzenden Außenaquarien, eisfrei.
Das lockte zunächst eine Vielzahl Entenvögel an, mit zunehmender Dauer der Kälteperiode jedoch auch entsprechende Räuber. So wurden neben Fuchs und Katze eines Tages auch Spuren von Fischottern im frischen Schnee entdeckt. Es waren zwei Tiere, welche nebeneinander liefen. An Hand der Spuren war zu erkennen, dass die Tiere an einigen Stellen im Schnee regelrecht herumtollten. Kurzzeitig konnte ein ausgewachsenes Tier, aus einiger Entfernung, auf dem Herrensee beobachtet werden.
Die Freude bei den Gästen und Mitarbeitern der Einrichtung war groß, ist es doch eine Seltenheit einen Fischotter am Tage, und dann noch mitten in einer Ortschaft, zu beobachten.
Nur bei den Mitarbeitern des Aquariums hielt sich die Freude über das Erscheinen dieser possierlichen Tiere in Grenzen, hatten diese doch schon vor zwei Jahren, nur etwa 3 Monate nach der Eröffnung des Müritzeums, ihre eigenen Erfahrungen mit Fischottern gemacht.
Über Nacht waren nämlich mehrere junge Fischotter in die außen liegenden und völlig ungeschützten Aquarien eingedrungen und hatten ein wahres Schlachtfest in dem neuen Fischbestand angerichtet.
Um solch einen unliebsamen Zwischenfall zukünftig zu vermeiden, wurde um die Außenaquarien ein Elektrozaun, so wie er für Weidevieh verwandt wird, gespannt. In einem Abstand von etwa 10 Zentimetern wurden mehrere Strom führenden Drähte bis auf etwa 80 Zentimeter Höhe übereinander angebracht. Sicherheitshalber wurde der Elektrozaun ganzjährig betrieben.
Da im darauf folgenden Winter, der allerdings recht milde war, keinerlei Ottereinfälle auftraten, war man sicher, die Lösung für dieses Problem gefunden zu haben.
Doch Skepsis statt Freude über das Erscheinen von ausgewachsenen Fischottern an den Außenaquarien, in diesem Winter, war dann doch angebracht.
Trotz funktionsfähigem Elektrozaun drang erneut ein Tier mehrere Nächte hintereinander in die Becken ein und entwendete jeweils einen ausgewachsenen Bleie (von immerhin 2-3 Kilogramm Gewicht) und mehrere Schleie. Außerdem wurden einige in den Aquarien verbliebene Fische geschädigt. Flossenteile wurden heraus gebissen und Wunden mit den Krallen zugefügt. Sogar vor einem etwa 1,20 Meter langen Stör machte der Otter keinen Halt! Diesen packte er am Schwanz und versuchte ihn offensichtlich so aus dem Wasser zu ziehen. Nur die Größe des Tieres bewahrte es davor, zur Beute zu werden, von den Schäden an Schwanzflosse und Körper ist es aber langfristig gezeichnet.
Diese Vorgehensweise des Fischotters deutete zweifellos darauf hin, dass auf Grund des harten Winters, und der damit verbundenen Nahrungsknappheit ein enormer Fressdruck bestand. In den natürlichen Gewässern fanden die Otter auf Grund der langen und nahezu vollständigen Eisbedeckung kaum noch Nahrung. Das scheue und besonders vorsichtige Verhalten, was für Fischotter sonst üblich ist, war dem Überlebenskampf gewichen. Ohne Nahrung drohte dem Tier der Tod und so war offensichtlich jedes Mittel recht, um an Beute zu gelangen. Ein Teichhuhn und eine junge Möwe, welche sich wohl zu unvorsichtig am eisfreien Zulauf des Herrensees tummelten, wurden ebenfalls Opfer des Fischotters. Das Blut, sowie Reste des Gefieders waren auf dem weißen Schnee unübersehbar.
Um den größten Teil der Fische in den Aquarien zu retten, die Schauaquarien in ihrer Funktion aber zu belassen, wurde ein zusätzlicher Maschendrahtzaun gespannt. Auch ein Futterplatz, außerhalb der Außenaquarien, war für den Otter eingerichtet worden. Jeden Abend wurde ein größerer Fisch, welcher bereits vor längerer Zeit verendet aber durch das Einfrieren noch frisch war, aufgetaut und an den Futterplatz verbracht.
Der Fischotter nahm sich in den darauf folgenden Nächten diesen Fisch, aber das Eindringen und Räubern in den Aquarien hielt weiterhin an. Noch mehrere Male war es dem Otter gelungen, durch kleinste Lücken des Maschendrahtzaunes zu schlüpfen. Um mit seiner Beute dort durch zu gelangen, suchte er sich kleinere und vor allem schmalere Beutefische aus. Sogar Steine wurden beim unterkriechen des Zaunes bei Seite geschoben.
Vor Beginn des neuen Winters wird ein neuer, stabilerer Zaun um die Außenaquarien gebaut, in der Hoffnung, den an dieser Stelle doch unliebsamen Besuch sicher abzuhalten. Auf den elektrischen Strom kann dann verzichtet werden, denn wie das Erlebnis zeigte, ist dieser zur Otterabwehr im Extremfalle ohnehin nutzlos. So blieb festzustellen, dass ein Eingriff in die Kreisläufe der Natur doch nur bedingt möglich ist, und die Natur, ungeachtet jeglicher Interessen, immer wieder Einfluss nimmt.
Einerseits stand der Frust, lange und mühsam eingewöhnte Fische verloren zu haben, und somit für einige Zeit in den Außenaquarien auch eine geringere Schauqualität zu bieten, andererseits hatten man dazu beigetragen (wenn auch nicht ganz freiwillig) mindestens einen Fischotter über den ungewöhnlich harten Winter zu bringen. Diese Freude linderte den Frust auf jeden Fall.
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dreafrei@Flickr CC-Lizenz